8. November 2019 | Hannah Malcolm | 0 Kommentare

Worte finden für das Ende der Welt

Ich erinnere mich daran, wie ich mir als 13-jährige eine Dokumentation von David Attenborough ansah: Er wanderte durch einen Dschungel, sprach über dessen Schönheit und über seine Verwundbarkeit; und ich erinnere mich daran, dass ich so froh darüber war, dass Menschen wie er die Kontrolle darüber haben; denn er würde den Regenwald retten. Es kommt mir vor, als seien wir bereits mein ganzes Leben lang damit beschäftigt, den Regenwald zu retten.

Und ich erinnere mich daran, wie ich als 9-jährige meinem Großvater, einem Klimawissenschaftler, zuhörte als er über die drängenden Probleme der Menschheit sprach. „Ganze Landstriche werden in 50 Jahren überflutet sein, wenn wir nicht jetzt sofort etwas dagegen unternehmen!“ Und ich erinnere mich daran, dass ich so froh darüber war, dass Menschen wie er Einfluss haben; denn er würde die Erde retten. Es kommt mir so vor, als wären wir bereits mein ganzes Leben lang damit beschäftigt, die Erde zu retten.

Nun bin ich selbst erwachsen und beobachte, wie der Amazonas-Regenwald brennt. Ich beobachte, wie die eingeborenen Völker Brasiliens wiederholt um Hilfe und um ein Einschreiten bitten, denn sie – wie auch ich – wissen, dass diejenigen, die tatsächlich Macht und Einfluss haben, ausschließlich an der Ausbeutung der Erde interessiert sind, nicht aber an ihrer Heilung. Ich spüre ohnmächtige Wut und Trauer in mir aufsteigen. Ich höre die übertrieben vorsichtigen Stellungnahmen der Kirchen, bedacht darauf, eine aufrührerische und aggressive Sprache zu meiden.Und ich frage mich, ob es zu spät ist, noch irgendetwas zu retten.

Lauffeuer im Xingu Indigenous Park, Brasilien (Foto von IBAMA)

Lauffeuer im Xingu Indigenous Park, Brasilien (Foto von IBAMA)

Fürchten wir uns davor, wütend zu sein? Fürchten wir uns davor, was Gott von uns verlangen könnte? Davor, unsere Macht zu verlieren, wenn wir unsere Angst vor der Zukunft artikulieren und über Apokalypse reden? Wir leben in einer Zeit gezeichnet von Gewalt und Habgier, gefangen in einem Hamsterrad, um unserer sterbenden Erde den letzten Hauch an Reichtum zu entziehen, sei es, dass wir es so benennen oder nicht. Wir versorgen die Wunden unserer Mitmenschen so als seien es nur kleine Verletzungen. „Friede, Friede“, sagen wir, wo gar kein Friede herrscht.

Die apokalyptische Literatur der Bibel hat mich gelehrt, dass wir keine hoffnungsvolle Zukunft propagieren können, ohne zuvor um die zum Untergang verurteilte Gegenwart zu trauern. Die Stimmen der Propheten Gottes werden am deutlichsten von denjenigen vernommen, die mit den Konsequenzen unserer Gewalt leben, die sich gegen den Status Quo aussprechen und nicht von ihm leben. Denn das grundsätzliche Ziel ihrer Sprache ist Offenbarung, d.h. Sünde sichtbar zu machen und Mächtige zur Buße zu rufen.

Die (oftmals gewaltsame) Sprache der Propheten spiegelt deren unmittelbare Erfahrung wider: nämlich die Verbundenheit der Welt in der sie (und wir) leben. Die Kraft der prophetischen apokalyptsichen Sprache liegt teilweise darin, dass ihre Zuhörer sie als eine exakte Beschreibung der Realität erkennen.

Verwurzelt in gelebter Erfahrung, bieten uns die apokalyptischen Propheten eine Sprache an, die notwendig ist, um die Wahrheit über die zerbrochene Schöpfung auszusprechen: sie bringt nämlich Trauer zum Ausdruck, aber trotz der realen Umstände auch Hoffnung. Prophetische Visionen einer friedvollen Zukunft hängen oftmals von göttlicher Intervention ab. Sie bezeugen, dass Hoffnung nicht auf Vernunft basiert.

Während gewaltsame Sprache, und eine Sprache der Trauer über diese Gewalt eine vernünftige, angemessene und realistische Stellungnahme zur gegenwärtigen Situation darstellt, (und somit prophetisch ausgesprochen werden sollte trotz aller Leugnung), waren Friedensvisionen für das Volk Israel eben nicht vernünftig, angemessen und realistisch; und sie sind es definitiv auch nicht angesichts des Klima-Zusammenbruchs und des Massen-Artensterbens. Es ist gerade diese Dualität, die unsere Sprache formt, welche uns ermöglicht einerseits die materielle Wahrheit der Gefahr zu benennen, in der wir uns befinden, sowie andererseits die theologische Wahrheit der Hoffnung, welche die Basis für den Glauben ist.

Wut und Trauer der prophetischen Tradition (und besonders in Gottes Worten zu seinem Volk) – kann sehr gut neben der Hoffnung bestehen, denn sie impliziert das Bewusstsein eines alternativen Lebensstils. Wut und Trauer sind nicht nur realistisch, sondern sind auch Werkzeuge für Veränderung, welche die Zuhörer daran erinnern, dass diese Gewalt eine Entscheidung ist – oder was wir Sünde nennen würden. Was die Schöpfung anbetrifft müssen die Dinge nicht so sein, wie sie sind. Wir können umkehren. Sprache der Gewalt und des Friedens – sowie ihre emotionalen Parallelen Trauer und Hoffnung – verfolgen dasselbe Ziel. Beide insistieren auf Dringlichkeit indem sie Gottes Wahrheiten offenbaren. Nämlich, dass Gott souverän über der Schöpfungsordnung steht. Dass es für das Übertreten dieser Ordnung Folgen gibt. Und dass Gott Heilung im Sinn hat.

Die Worte der Propheten – ob schon tot oder lebendig – können uns dabei helfen, über unsere apokalyptischen Ängste zu sprechen. Sie lehren uns ehrlich zu sein über die Realität der Sünde, der Habgier und der Trauer. Sie rufen auf zu radikalen, tiefgreifenden Veränderungen, nicht bloß zu kleinen Anpassungen an das existierende System. Und sie lehren uns, wie wir auf absurde Weise hoffnungsvoll sein können und eine friedliche Zukunft vor Augen haben können, auch wenn es noch so unmöglich scheint.

Es wird Zeit für unsere Kirchen, apokalyptische Ehrlichkeit zu zeigen.

Kategorien: Reflexionen
Über Hannah Malcolm

Hannah Malcolm koordiniert das Projekt "Gott und der Urknall", welches sich mit Glaube und Wissenschaft in britischen Schulen beschäftigt. Sie hat 2019 den Church Times Theology Slam gewonnen und beginnt nun ein theologische Ausbildung. Sie schreibt eine Doktorarbeit zum Thema Klima-Trauer.

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