6. Mai 2019 | Dave Bookless | 0 Kommentare

Weg mit dem Alten, her mit dem Neuen?

Eine Theologie des Neuen und der Schöpfung

„Alter Turnschuh, neuer Turnschuh“ von Martin Weller

„Alter Turnschuh, neuer Turnschuh“ von Martin Weller

Jedes neue Jahr bringt, zusammen mit neuen Chancen und Herausforderungen, die Möglichkeit eines neuen Anfangs. Das Konzept des Neubeginns ist tief in das christliche Denken eingebettet. Im Herzen des Evangeliums entdecken wir, dass wir durch Jesus neu geboren werden, vergangene Fehler hinter uns lassen und ein neues Leben in Christus anfangen können. Die Taufe symbolisiert dies sehr kraftvoll: Wir tauchen unser altes Selbst in das reinigende Wasser und tauchen wieder auf als neue Schöpfung in Christus.

Das zweckentfremdete Evangelium

Und doch … besteht vielleicht die Gefahr, dass wir diese Dynamik des Evangeliums zweckentfremden? Sicherlich treibt die heutige Konsumkultur die Liebe für Neuanfänge ins Extreme. Langweilen dich deine Kleidung, dein Computer, dein Handy oder deine Möbel? Schmeiß sie raus und kauf etwas Neues (notfalls auf Kredit). Und es sind nicht nur Besitztümer … Fußballmanager werden schon nach ein paar schlechten Ergebnissen gefeuert, die Schönheitschirurgie ermöglicht es ungeliebte Körperteile zu ersetzten oder zu „reparieren“, und die Scheidungsrate deutet an, dass sogar unsere intimsten Beziehungen nicht immun gegen die Anziehungskraft des Neuen sind.

Ich schlage nicht vor, dass wir den Lehren der Neugeburt die Schuld an unserer Wegwerfgesellschaft geben. Aber ich frage mich, ob wir als Christen nicht einiges durcheinander gebracht und eine Kultur eingeführt haben, welche das ‚Neue‘ um seines Selbstwillen anbetet. Und dies bringt uns zum Ende der Welt.

Schließlich ist das neue Testament (da ist das Wort ‚NEU‘ wieder!) voll mit ‚neuem Himmel‘, ‚Neue Erde/Welt‘, ‚neues Jerusalem‘, ‚neue Schöpfung‘. Da ich in einer bibeltreuen Gemeinde aufwuchs, bin ich davon ausgegangen ‚neu‘ bedeutet genau das gleiche wie in unserer Kultur. Wie zu erwarten, schluckte ich, was sich ebenfalls als eine eher neue Theologie herausstellte … dass dieser‚ „Alte Planet Erde“ verbrannt und zerstört werden wird, wenn Jesus zurückkommt und von einer ganz neuen Schöpfung ersetzt werden wird.

Zurück zu alten Wahrheiten

Daher war es so ein großer Schock, also ich vor 15 Jahren über ein Buch von einem niederländischen Christen, Wim Rietkerk, stolperte mit dem Titel „The Future Great Planet Earth“ [dt. der zukünftige Planet Erde]. Er argumentiert, dass die Schöpfung erneuert werden wird und dass die Substitutionstheologie, die besagt, dass die christliche Kirche den Platz des Volkes Israels eingenommen hat, und andere Theorien auf einer schlechten Interpretation einiger weniger schwieriger Verse basiert anstatt auf der allgemeinen Aussage der Bibel. Ich las weiter und fand Tom Wrights Büchlein „New Heavens, New Earth“ [dt. neue Himmel, neue Erde] besonders hilfreich. Die biblischen Belege waren so überwältigend und meine Theologie musste sich ändern – nicht in etwas Neues, sondern zurück in die alten Wahrheiten der Schrift und der frühen Kirche.

Fakt ist, dass unsere heutige Sprache eine sehr limitierte Sprache ist. Wir haben nur ein Wort für ‚neu‘, während neutestamentliches Griechisch mehrere Ausdrücke benutzt, vor allem ‚neos‘ und ‚kainos‘. ‚Neos‘ bedeutet ganz neu, nie dagewesen, wogegen ‚kainos‘ neu, aber im Zusammenhang mit dem, was vorher war, bedeutet.

Wenn ich mein Auto schrotte und es nicht mehr zu reparieren ist, werde ich stattdessen einen ‚Nissan Neos‘ bekommen, aber wenn es repariert werden kann, neu lackiert und gesäubert wird, bleibt es mein alter-aber-dennoch-jetzt-neuer ‚Toyota-Kainos‘.

‚Kainos‘ bedeutet auch Reparatur, Erneuerung, Wiederherstellung und sogar Recycling. Immer wenn das neue Testament von neuem Himmel, neuer Erde, neuer Schöpfung, neuem Jerusalem spricht, benutzt es ‚kainos‘. So wie Gott kaputte, durcheinander gebrachte Menschen zu einer neuen Kreatur in Christus recycelt, so wird er die ganze abgekämpfte und verschmutze Schöpfung von all der Sünde und Zersetzung säubern, die sie schädigen, bevor er sie erneuert hin zu einer neuen Schöpfung mit Christus als Zentrum.

Während wir in ein neues Jahr kommen, bedeutet die biblische Hoffnung für die Erneuerung der Schöpfung, dass wir uns wirklich auf die Zukunft freuen können, nicht in einem schwachen Optimismus, sondern mit einer großen Hoffnung, die in der Wirklichkeit von Jesus Auferstehung verwurzelt ist. Ein neuer Anfang bedeutet nicht, das Alte rauszuwerfen, sondern es gereinigt, transformiert und erneuert zu sehen. Es bedeutet, dass hoffnungslose Situationen, zerbrochene Beziehungen, kaputte Leute und Umweltkatastrophen nicht das Ende der Geschichte sind. Neugeburt ist möglich, nicht indem man Altes wegwirft, sondern durch radikale Reinigung und Erneuerung von ihm.

Es ist nicht nur eine theologische Theorie, sondern eine Wahrheit für das tägliche Leben und eine Vision die unsere Wegwerfgesellschaft dringend wiederentdecken muss.

Übersetzung: Sarai Binger

Kategorien: Reflexionen
Über Dave Bookless

Dave hat seit 1997 mit A Rocha gearbeitet, zuerst als internationaler Beauftragter, dann ab 2001 als Mitbegründer von A Rocha UK (mit seiner Frau Anne), Nationaler Direktor, und dann Direktor für Theologie, Kirche und nachhaltige Gemeinschaften. Er schloss sich dem A Rocha International Team im September 2011 an. Seine Rolle als Ratgeber/Berater für Theologie und Kirche beinhaltet A Rocha Internationals Beauftragte, das Team und nationale A Rocha Organisationen mit Ratschlag und Ressourcen zu versorgen, sowie eine Verbindung mit internationalen theologischen und Missionsnetzwerken und Organisationen zu koordinieren. Darüber hinaus promoviert er in Teilzeit an der Cambridge Universität in Biblischer Theologie und Biodiversitäts-Naturschutz.

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